Italienisches Liederbuch
Berlin - 22-4-2001


Ich bin verliebt - doch eben nicht in dich

Bezaubernd: Sibylla Rubens und Thomas Quasthoff sangen Hugo Wolfs "Italienisches Liederbuch"

Hugo Wolf pflegte die Reihenfolge der Gedichte in seinen Liederzyklen noch vor der Komposition festzulegen, und so ist es sinnvoll, etwa das "Italienische Liederbuch" nicht nur als Steinbruch für Liederabende zu benutzen, sondern als Ganzes, als eigentlichen Zyklus zu präsentieren. Am Sonntag haben die Sopranistin Sibylla Rubens und der Bassist Thomas Quasthoff genau das getan. Das Podium im Kammermusiksaal des Konzerthauses wurde zu einer kleinen Bühne, auf der sich jene Oper entfaltete, mit der Hugo Wolf Zeit seines Lebens aus dem verhassten Dasein als Miniaturist, als Liederkomponist herauszutreten träumte.

Mehr als jeder andere Liederzyklus Wolfs ist das "Italienische Liederbuch" auf das Mit- und Gegeneinander der Geschlechter konzentriert, das von jeher die Opernhäuser zur erotischen Anstalt bestimmt hat. Den meisten Opern hat es aber den Humor voraus, mit dem das Weh und Ach des immer wieder einmal zum Scheitern verurteilten Projekts Liebe entschärft wird. Wenn etwa Thomas Quasthoff in "Der Mond hat eine schwere Klag erhoben" zu der neckischen Pointe gelangte, die Geliebte habe zwei der schönsten Sterne entwendet: "Die beiden Augen dort, die mich verblendet", konnte Sibylla Rubens mit einem geschmeichelten Sternzwinkern reagieren. Und wenn Rubens das bizarre Lied vom kleinen Geliebten anstimmte ("Mein Liebster ist so klein, dass ohne Bücken/ Er mir das Zimmer fegt mit seinen Locken"), gewann dies durch die Physis ihres Gegenübers eine überraschende Pointe, die Quasthoff mit viel Selbstironie und betrübter Miene ausspielte.

Schon dem oberflächlichen Blick zeigt sich, dass sich die Abfolge der Lieder im "Italienischen Liederbuch" um wechselnde thematische Schwerpunkte bewegt. Aber die beste Aufnahme könnte nicht zeigen, was die Sänger spielerisch deutlich machten: Wie die Lieder auch als Aktion und Reaktion verstanden werden können. Wenn Quasthoff ein hoch gegriffenes Lob der Geliebten singt ("Dass doch gemalt all deine Reize wären"), entgegnet diese kokett: "Du denkst mit einem Fädchen mich zu fangen". Ist die Beziehung in der Krise, wird "Gieb frei mein Herz, dann magst du weitergehn" mit "Was soll der Zorn, mein Schatz?" quittiert. Dass das Komödiantische die Grenzen des Klamauks nicht überschritt, war der Tatsache zu verdanken, dass Quasthoff wie Rubens manchmal vielleicht mimisch, aber niemals stimmlich outrierten. Wie in einer Beziehung machten dabei beide eine Entwicklung durch. Rubens artikulierte anfangs eine Spur zu scharf und nahm dem so programmatischen wie ergreifenden Eingang "Auch kleine Dinge können uns entzücken" ein wenig von seiner Poesie, doch gewann der Ton an Fülle und Rundheit im Lauf des Abends hinzu. Und hatte Quasthoff mit der Intonation chromatischer Schritte zunächst Mühe, so fand seine Stimme bald klareren Fokus.

Dennoch hat man bei diesem Sänger den Eindruck, dass er trotz seiner Eindringlichkeit im Lied eigentlich eine Opernstimme hat: die Fortissimi von "Hoffärtig seid Ihr, schönes Kind" sprengten beinahe den Saal, während das Pianissimo von "Sterb ich, so hüllt in Blumen meine Glieder" körperlos-hauchig wirkte. Angesichts der mangelnden Stimmkultur, die auf den Opernbühnen nicht nur, aber vor allem bei Wagner herrscht, wäre ein so kraftvoller wie intelligenter Musiker wie Quasthoff wahrhaft ein Labsal.

Auch Sibylla Rubens geriet nie in die Gefahr eines solchen Deklamierens, bei dem die Tonhöhe nur angesungen wird und die geschlossene Gestalt der Phrase zerbricht. Es ist ja die hohe Kunst Wolfs, dass der geschlossene Zusammenhang eines Stücks zwar im Klavierpart liegt, die Singstimme aber, wie bei Wagner, auf diesem Fundament eine hohe Wärme und Gesanglichkeit erzielt, zugleich den Text aufs feinste nuanciert: Man sehe nur, bei welchen Wörtern Wolf einen Akzent gegen den Takt setzt! Eher gingen die Sänger stimmlich nicht weit genug in ihrer Theatralisierung: Dass "Wer rief dich denn?" von Wolf nicht nur als Hohnlied gedacht ist, sondern dort, wo "ein wenig zögernd" oder "zurückhaltend" vorgetragen werden soll, vielleicht auch Reue im Spiel ist, mag Ansichtssache sein. Aber dass nach den Worten "Ich bin verliebt" die wiederholende Bekräftigung "doch eben nicht in dich" mit "lachend" überschrieben ist, war nicht zu hören. Rubens gelingt eben das Pflaumige, Matronenhaft-Abweisende besser als die feineren Zwischentöne des "Rühr-mich-nicht-an - oder-vielleicht-doch?". Und ebenso klang die Parodie auf den Bettelmönch durchaus nicht "recht kläglich", wie Wolf es wollte, sondern allzu sonor, während Quasthoff die böse Pointe dieses Lieds ("Schließt Tür und Fenster, dass uns keiner störe, /Wenn ich des armen Kindes Beichte höre!") großartig salbungsvoll gelang.

Der Pianist Julius Zeyen hat seine, wie gesagt, tragende Rolle mit großem Sinn für Charakteristik gespielt und traf fast immer das richtige Tempo. Nur in "Willst du deinen Liebsten sterben sehen" war er im zweiten, "sehr ruhigen" Teil nicht ruhig genug und drängte Quasthoff sein schnelleres Tempo auf; und die zwischen Pianissimo und Pianpianissimo changierenden Passagen von "Schon streckt ich aus im Bett die müden Glieder" gerieten ihm um einiges zu robust. Solche Missgriffe gehören auch zu der Erfahrung eines lebendigen Konzerts, das mit der Perfektion eines Tonträgers nicht konkurrieren will, sie aber überbieten kann durch die dramatische Spontaneität des Augenblicks.

Berliner Zeitung, Wolfgang Fuhrmann (24-4-2001)


Lieder: Heyse

Dass Paul Heyses Wechselgesänge verliebter junger Leute viel Vergnügen bereiten können, dürfte den meisten nur durch (exquisite) Aufnahmen bekannt sein. Live werden sie leider selten geboten. Um so mehr erfreute, wie genussreich diese kleinen, so schlagfertigen, schalkhaften und auch versonnenen Gesänge des Italienischen Liederbuchs von Hugo Wolf im Kleinen Saal des Konzerthauses von Sibylla Rubens (Sopran), Thomas Quasthoff (Bariton) und Justus Zeyen (Klavier) serviert wurden. Vom kapriziösen "Auch kleine Dinge können uns entzücken" bis zum pikant komischen Schlußstück "Ich hab' in Penna einen Liebsten wohnen", trafen sie ins Schwarze. Und zogen im Handumdrehen mit ihrer ansteckenden Spiel- und Musizierlust das Publikum in das Spielchen. Ein amouröses, schelmisches Kabinettstück löste das andere ab und auf eine geistvoll-lustige Nuance folgte die andere. Beide nutzten ausgiebig das gestische Angebot der italienischen Lieder, wie auch Justus Zeyen, der brillant mitspielte. Sibylla Rubens begeisterte durch ihren hell leuchtenden, an Finessen reichen Sopran, durch ihren Charme, ihre kessen deklamatorischen Akzente: Dem "garst'gen Schwätzer" heizte sie mit Zorn schnaubender Stimme ein. Thomas Quasthoff zog mit saftigem Stimmwitz und hintergründiger Ironie zu Felde. Er schöpfte nur so aus dem Vollen, sang mal mit überströmend feierlicher Stimme ("Gesegnet sei, durch den die Welt entstand"), mit geradezu visionärer Zartheit ("Benedeit die sel'ge Mutter") oder attackierte auch mal mit bedrängend grantigem Stimmgestus die "Hoffärtige". Alles kam mit glühender Intensität und großer Textverständlichkeit herüber. Stürmischer Applaus.

Der Tagesspiegel, Eckart Schwinger (24-4-2001)