Liederabend in Wien


Die Poesie der Wahrhaftigkeit

Musikverein: Liederabend von Thomas Quasthoff

Er ist Prediger, Kläger, Sterbender, Verführer und Liebender in einer Person. Er betet zu Gott, er wandelt dem Tod entgegen und er leidet bitterlich unter einer erloschenen Liebe. Thomas Quasthoff war im - bis auf den letzten Platz - ausverkauften Brahms-Saal des Musikvereins zu Gast und begeisterte als Sendbote der musikalischen Wahrhaftigkeit. Was gibt es über die Stimme des deutschen Bassbaritons noch zu sagen? Quasthoffs Technik ist schlicht perfekt; das Timbre unverwechselbar. Vor allem aber: Thomas Quasthoff geht immer an physische und psychische Grenzen, spürt jeder Note, jedem Wort bis in die kleinsten, ja intimsten Verästelungen nach. Beethovens sechs "Gellert-Lieder", die drei "Villon-Balladen" von Debussy und Ravels "Don Quichotte a Dulcinee" - jedes Stück mutierte bei Quasthoff zu einem poetischen Bekenntnis. Sensationell aber die "Jedermann-Monologe" aus der Feder von Frank Martin, wo auch der stets eigenständige Pianist Charles Spencer sein ganzes Können demonstrierte. Und Robert Schumanns Zyklus "Dichterliebe"? Selten haben die Verse Heinrich Heines einen so vollendeten Interpreten gefunden, wobei die Piecen "Ich grolle nicht" und "Ich hab' im Traum geweinet" neben aller Erschütterung auch von unfassbarer Härte kündeten. Betörend! Das Publikum jubelte frenetisch. Und der verstorbene Walter Berry - ihm hatte Quasthoff den Abend gewidmet - hätte nicht besser gewürdigt werden können.

P.J. - Kurier, 29-10-2000


Windmühlen bezwungen

Thomas Quasthoff, deutscher Baßbariton, demonstrierte im Brahmssaal des Wiener Musikvereins erneut seine einsame Klasse auf dem Podium des Liedgesangs.

Weltschmerz, Sehnsucht, die Suche nach der Wahrheit - Thomas Quasthoff gab am Freitag nicht nur "einen Liederabend" im Brahmssaal. Wo andere vielleicht aus den Alben kramen und ein Liederbouquet winden, schmiedete der Sänger ein Stimme wie Ausdrucksvermögen unerhört forderndes Programm mit konziser Dramaturgie. Die große Sehnsucht nach der Liebe, das Scheitern darin, das Verlassensein, die Klage darüber, die Suche nach Trost - bei Gott, bei der Muttergottes und auch im Alkohol: Auf Beethovens Vertonungen nach Texten von Christian Fürchtegott Gellert folgten Debussys "Villon-Balladen", bevor Quasthoff mit Frank Martins "Jedermann"-Monologen zutiefst erschütterte. Erschütterte in geradezu monumentaler stimmlicher Wucht, in seiner ergreifenden, wahrhaftigen Durchdringung von Text und Musik.

Eine Qualität, die danach in ebensolchem Maß Schumanns Dichterliebe auszeichnete. Wo Thomas Quasthoff alle schwärmerische Romantik hinter sich lassend tief in die verzweifelten Abgründe tauchte und diese mit seiner expansionsfähigen und in allen Lagen gleich perfekt funktionierenden Stimme auslotete. Maurice Ravels "Don Quichotte à Dulcinée" setzte mit seinem alkoholischen Finale den Schlußpunkt unter ein innert glühendes Ereignis, dem Charles Spencer am Klavier der wohl denkbar einfühlsamste Partner war.

Die Presse, 30-10-2000


Lieder von Liebe und Tod

Der erste Teil des Liederabends von Thomas Quasthoff im Brahms-Saal entpuppte sich als eine Art vorgezogenes Allerheiligen- bzw. Allerseelenkonzert. Die Gesänge kreisten fast ausnahmslos um die Frage nach den letzten Dingen. Der Bogen spannte sich von Beethovens sechs Liedern nach Gedichten von Christian Fürchtegott Gellert über Frank Martins "Jedermann"-Monologe bis zu Claude Debussys "Ballade que Villon feist à la requeste de sa mère pour prier Notre Dame".

Die jeweiligen Stimmungen variierten dabei beträchtlich: Während die Gellert-Lieder von unerschütterlichem Gottvertrauen geprägt sind, führen die Hofmannsthal-Texte den Weg von ungläubigem Trotz und Aufbegehren hin zu einem ergebenen Sich-Fügen vor. Und in der Villon-Ballade von Debussy schließlich artikuliert sich eine von aufrichtiger Reue getragene, schlichte Bitte um gnadenreiche Vergebung. Wie der kenntnisreiche Literaturliebhaber Quasthoff, der das Konzert dem an diesem Tag verstorbenen Bariton-Kollegen Walter Berry widmete, all diese Nuancen auslotete, berührte zutiefst und wusste zu erschüttern.

Nach der Pause ging es mit Schumanns "Dichterliebe" weiter. Auch hier bestach der von klarer Diktion und wunderbarer Phrasierungskunst gekennzeichnete Vortrag. Romantische Miniaturen von Liebe und Schmerz, mit einem Schuss Ironie, die aber nie diffamierend wirkt.
Den Abschluss bildete Maurice Ravels brillantes "Don Quichotte à Dulcinée". Wiederum gelang dem Bariton und seinem kongenialen pianistischen Partner Charles Spencer, mit dem er jüngst Schubert (Goethe-Lieder und "Winterreise") auf CD aufgenommen hat, eine differenzierte Gestaltung: Schwärmerisch ("Chanson romanesque"), evokativ ("Chanson epique") und schließlich heiter-ausgelassen ("Chanson à boire"). Jubel und Begeisterung im Publikum. Wie denn auch nicht!

Manfred A. Schmid - Wiener Zeitung,31-10-2000