Wanderer ohne Schritt

by Christine Lemke-Matwey


Ein Mann kämpft. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn, sein Teint ist fahl, die Augen sind rotgerändert. Ein Mann ist müde. Daß Schuberts Winterreise bis heute die physisch wie intellektuell größte Herausforderung der Liedgeschichte darstellt (für Sänger, Pianisten und Zuhörer), scheint er indes kaum zu fürchten. Denn unser Mann will: Will darstellen, singen und sagen, von der Kunst als dem eigentlichen Leben, vom Zerfallensein mit dieser einen heilen Welt, von Fremdheit, Ausgestoßensein – sofern man den Gehalt der Winterreise überhaupt in Worte fassen kann. Solcher Eros jedenfalls teilte sich umstandslos mit, als Thomas Quasthoff die Bühne des Herkulessaals betrat. Und, pardon: Wer sollte weniger in Versuchung geraten als er, diesen gut neunzigminütigen Zyklus schauerlicher Lieder zu verniedlichen, an volkstümliche Mißverständnisse zu verraten, an Klischees und blöde Schablonen dessen, was einst Romantik hieß und lyrisches Biedermeier ? Ein Mensch, der sich mit seiner künstlerischen Arbeit so hart hat durchsetzen müssen, weiß gewiß, wovon Schubert spricht.

Nun, eine beschaulich monologisierende Wanderschaft war es nicht, was Quasthoff und sein Begleiter Charles Spencer vorführten (denselben Eindruck vermittelt auch die aktuelle CD). Denn Quasthoff stürzte sich in die Extreme, brannte aufs Gestalten. Eine neue Entwicklung mit und an der Winterreise ? Legte man ihm früher eher gewisse Konfliktlosigkeiten zur Last, so konnte es ihm jetzt nicht radikal genug sein. Harsches Aufbegehren und streichelweiche Pianissimi ("Will dich im Traum nicht stören") schon im ersten Lied, plastisch herausmodellierte Vokale (besonders die Umlaute, etwa der "süße Traum", das "Rauschen" der Zweige im "Lindenbaum"), riesenhafte Ritardandi an vielen Enden ("Rückblick", "Der Wegweiser"). Dabei durfte Quasthoff sich im Vollbesitz seiner stimmlichen Kräfte fühlen: Keine Tiefe, die nicht noch satt und sonor nachfederte, kaum eine Höhe, der er keine tenoral timbrierten Lichter aufsteckte. Das Volumen seines Baßbaritons und dessen gewaltige Tessitura sind die Pfunde, mit denen Quasthoff wuchern kann.

Und er tat es, ausgiebig. Ein Gesamtbild jedoch, ein sängerischer Gestus, der als solcher deutlich geworden wäre, ließ sich aus all diesen Facetten nicht gewinnen. Zum einen schien sich Quasthoffs Ausdrucksvokabular bereits nach vier, fünf Liedern redlich erschöpft zu haben: Selbst das schönste Piano wirkt manieriert, wenn es sich als bedingungslos verfügbares Mittel enttarnt. Zum anderen führten die durchwegs bräsigen Tempi, die Spencer anschlug und denen Quasthoff klaglos Folge leistete, zu einem seltsamen Paradox: Dieser Winterreisende, so grimmig und mimisch betroffen er seinem Schicksal von Lied zu Lied auch begegnete, trat buchstäblich auf der Stelle. Es fehlte ihm der Schubertsche Wanderschritt, das Unvermeidliche – und so auch alle Utopie, jeder rechte Trost.


Süddeutsche Zeitung - 23 December 1998