"Seid ihr alle krank ?"

An der Musikhochschule wurde er abgewiesen, weil er wegen seiner Behinderung nicht Klavier spielen kann: Grammy-Gewinner Thomas Quasthoff über seine Kindheit, sein Jura-Studium und seinen triumphalen Aufstieg zu einem der weltbesten Baritonsänger

stern: Herr Quasthoff, Sie messen ein Meter zwanzig und haben keine Arme. Welche Reaktionen erleben Sie deswegen bei Ihren Auftritten?

Quasthoff: Natürlich gibt es Leute, die geschockt sind, wenn ich auf die Bühne komme. Aber darum kümmere ich mich nicht. Wer Probleme mit meinem Aussehen hat, der soll halt das nächste Mal mit seinem Hintern zu Hause bleiben.

Der ein Meter 20 messende Quasthoff - beim Konzert in Boston - tritt stets auf einem Podest auf. Der Stuhl dient als Steh-Stütze

stern: Was hat Ihre Behinderung verursacht?

Quasthoff: Meine Mutter hatte während der Schwangerschaft Schlafstörungen. Der Arzt hat ihr daraufhin Contergan verschrieben. Meine inneren Organe sind Gott sei Dank okay, aber ich habe keine Kniegelenke, und meine Füße standen bei der Geburt nach hinten. Um das zu richten, musste ich die ersten anderthalb Jahre in einem Streckverband liegen.

stern: Haben Sie Erinnerungen an diese Zeit?

Quasthoff: Ich weiß nur noch, dass ich in einem Gitterbett lag und einen gelben Teddy hatte, der mir eines Tages weggenommen wurde.

stern: Waren Sie ein musikalisches Kind?

Quasthoff: Als ich zwei, drei Jahre alt war, sagte eine Krankenschwester zu meiner Mutter: "Also Mensch, ihr Sohn ist aber musikalisch!" Meine Mutter war völlig perplex und fragte: "Wie kommen Sie denn darauf? Der Junge kann doch kaum reden." Ich habe damals Schlager nachgesungen wie "Liebeskummer lohnt sich nicht" - natürlich ohne zu wissen, was die Wörter bedeuten.

stern: Mit sechs kamen Sie in eine Sonderschule. Wer waren dort Ihre Mitschüler?

Quasthoff: Spastiker. Weil die durch ihre Sprachbehinderung erheblich langsamer in ihrer Entwicklung waren, fing ich irgendwann an, mich total zu langweilen. Nach zwei Jahren haben meine Eltern dann bei zehn Grundschulen angefragt, ob sie bereit wären, mich aufzunehmen. Neun dieser Schulen haben sich geweigert. Die Begründung lautete, dass die Belastung für den Klassenlehrer zu groß sei.

stern: Wie konnten Sie ohne Arme Diktate schreiben?

Quasthoff: Als Kind sollten mir Armprothesen angepasst werden, die vorne eine Zange hatten. Die Dinger quietschten furchtbar, und ich kam mir vor wie Frankenstein. Da habe ich die Ärzte angeschnauzt: "Sagt mal, seid ihr alle krank? Was soll ich damit? Nehmt diese Dinger weg." Ich hatte dann überhaupt keine Probleme, das Schreiben zu lernen. Auch mein Tempo war gut. Ich habe mein Abitur so gemacht wie jeder andere auch, ohne Extrazeiten oder andere Vergünstigungen.

stern: Wie waren Ihre Mitschüler zu Ihnen?

Quasthoff: Kinder können ganz schön grausam sein. Aber ich hatte schon damals eine relativ große Klappe, die mich immer ein bisschen geschützt hat. Als es bei den anderen in der Pubertät losging mit Freundinnen, habe ich mir angewöhnt, auf Klassenkasper zu machen, um so meine Probleme zu überspielen.

stern: Wie verzweifelt waren Sie wirklich?

Quasthoff: Natürlich gab es Momente, wo ich dachte: "Warum gerade du?" Es ist aber ein großer Unterschied, ob Sie aus dem vollen Leben heraus durch einen Unfall in die Querschnittslähmung geschmissen werden oder ob Sie von Geburt an eine Behinderung haben. Ich kannte es nicht anders. Meine Eltern haben mir klargemacht, dass Blinde oder Taubstumme viel schlimmer dran sind als ich. Sie haben mich auch nie versteckt und sind mit mir in die Badeanstalt gegangen. Natürlich gab es Tausende von Blicken. Aber dadurch war ich auch schnell an Gaffer gewöhnt. Einmal hatte mich meine Mutter im Kinderwagen vorm Fleischerladen geparkt. Als eine neugierige Frau mein Cape hochhob, um drunterzugucken, habe ich sie angespuckt. Als sie sich beschwerte, sagte meine Mutter zu mir: "Komm, spuck noch mal."

stern: Wie oft hadern Sie heute noch mit Ihrem Schicksal?

Quasthoff: Es gibt Contergan-Kollegen, die sich in dieses Thema unglaublich involviert haben. Ich bin eher dem Instinkt gefolgt: "Mach das Beste aus deinem Leben. Es hilft dir nicht, dauernd zurückzugucken, denn das ändert nichts. Akzeptiere dein Schicksal, es gibt schlimmere. Du hättest auch als stupider und depressiver Vollidiot auf die Welt kommen können."

Der Sänger in der Bostoner Symphony Hall

stern: Wer leidet mehr unter Ihrer Behinderung: Sie oder Ihre Mutter?

Quasthoff: Meine Mutter. Sie macht sich bis heute Vorwürfe. Sie musste sich auch so idiotische Äußerungen anhören wie: "Ihr Sohn, der wurde wohl im Suff gezeugt."

stern: Versuchen Sie, Ihrer Mutter die Schuldgefühle zu nehmen?

Quasthoff: Geredet haben wir nie über dieses Thema. Niemand kann auch nur annähernd nachempfinden, was eine Mutter fühlt, die nach neun Monaten ein Baby mit so einer Behinderung zur Welt bringt. Das schlechte Gewissen, das sie seit meiner Geburt in sich trägt, kann ich zwar lindern, aber ob ich es ihr nehmen kann, weiß ich nicht. Ich kann ihr nur mit meiner Art zu leben zeigen, dass alles in Ordnung ist. Ich hoffe, sie weiß heute, dass ich ihr keine tausendstel Sekunde in meinem Leben einen Vorwurf gemacht habe.

stern: Wie hoch war Ihre Entschädigung als Contergan-Opfer?

Quasthoff: Die Pharmafirma Grünenthal hat uns mit 24 000 Mark abgespeist.

stern: Grünenthal verdient noch immer Millionen. Packt Sie da nicht eine ungeheure Wut?

Quasthoff: Was würde das bringen? Ob ich "Skandal!" rufe oder in Afrika fällt eine Banane vom Baum - das ändert letztlich nichts. Ich käme nur in eine schlechte Stimmung, und die kann ich in meinem Beruf nicht brauchen. Mir ist meine seelische Balance wichtiger als ein heroischer Kampf, den ich ohnehin nicht gewinnen kann.

stern: Sie haben gerade für Ihre Einspielung von Gustav Mahlers Lieder-Zyklus "Des Knaben Wunderhorn" den Grammy gewonnen. Wer hat zuerst entdeckt, dass Sie für eine Weltkarriere taugen?

Quasthoff: Mein Vater hat Gesang studiert, bevor er Justizbeamter wurde. Als ich zehn Jahre alt war, hat er beim Norddeutschen Rundfunk angerufen. Die dachten wahrscheinlich, mein Vater wollte aus seinem behinderten Jungen einen zweiten Heintje machen und sagten: "Na gut, dann kommen Sie in Gottes Namen vorbei - aber höchstens zehn Minuten." Aus diesen zehn Minuten wurden dann zwei Stunden. Ich habe gejodelt und mit meiner Kinderstimme Adenauer parodiert. Am Ende hieß es: "Mit dieser Stimme müssen Sie irgendwas machen."

stern: An der Musikhochschule Hannover wurden Sie 1975 abgewiesen. Die aparte Begründung lautete, dass Sie ja leider kein Klavier spielen können.

Quasthoff: Genausowenig wie Basketball. Man scheute sich wohl, einen Präzedenzfall zu schaffen. Ich war natürlich total frustriert, denn ich wusste inzwischen, dass ich diese Begabung habe. Im Rückblick kommt mir das aber wie ein Glücksfall vor. Mein Privatstudium war wesentlich effizienter und intensiver. Auf den Musikhochschulen lernt man als Sänger viel Mist, den man später niemals mehr braucht.

stern: Wieso haben Sie mit 18 begonnen, ausgerechnet Jura zu studieren?

Quasthoff: Ich wollte als Justizbeamter abgesichert sein. Dabei war ich nie auch nur annähernd mit der Jurisprudenz verwachsen. Das ist so wie ich und Bergsteigen. Nach drei Jahren hatte ich dann auch die Schnauze gestrichen voll.

stern: Waren Sie einer dieser Jura-Streber?

Quasthoff: Ich habe in diesen drei Jahren des Nichtjurastudierens die Freiheit genossen. Party hier, Party da - ich habe wirklich die Sau rausgelassen. Nach der Universität bin ich dann als Sprecher und Moderator zum Radio gegangen.

stern: Ein Kritiker warf Ihnen mal vor, Ihrer gesanglichen Darstellung mangele es an "saugender Unheimlichkeit".

Quasthoff: Welcher Komiker hat denn das geschrieben?

stern: Peter Uehling von der "Berliner Zeitung".

Quasthoff: Ach der. Der hat auch mal geschrieben, ich könne nicht leise singen. Leider hat man es in diesem Metier oft mit Kritikern zu tun, die von Musik so viel verstehen wie ich vom Häkeln.

stern: Warum machen Sie keine Opern?

Quasthoff: Weil ich nicht will, dass meine Behinderung als Show-Effekt im Vordergrund steht. Die Leute sollen nicht denken, ich setze das als Sensation ein, um bekannt zu werden. Jetzt hat mich Simon Rattle eingeladen, 2003 in Salzburg mit ihm den "Fidelio" zu machen. Da ich inzwischen einen Namen habe, werde ich das annehmen. Außerdem vertraue ich Simon hundertprozentig. Wenn er sagt "Tommy, das machst du jetzt", dann wird es keine Peinlichkeiten geben.

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Quasthoff auf dem Weg zur New Yorker Carnegie Hall

stern: Was schätzen Sie an Simon Rattle, dem künftigen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker?

Quasthoff: Er ist humorvoll, warmherzig und aufmerksam. Solche Eigenschaften sind in seinem Metier selten, denn die Position des Dirigenten verleitet dazu, eine allzu intensive Beziehung zur Macht zu entwickeln. Was manche seiner Kollegen da an Selbstvergötterung betreiben, kann ich nur als irrsinnig bezeichnen. Simon gibt jedem im Orchester das Gefühl: "Du bist wichtig!" Deshalb sind auch alle mit vollem Einsatz dabei. Bei diesen gut bezahlten deutschen Orchestern dagegen hocken viele mit übereinander geschlagenen Beinen auf ihren Stühlen und denken insgeheim: "Na ja, Kinder, noch eine halbe Stunde, dann ist Gott sei Dank Mittagspause."

stern: Erleben Sie aufgrund Ihrer Behinderung Diskriminierungen?

Quasthoff: Bei einigen deutschen TV-Sendungen haben mir die Redakteure knallhart gesagt, dass sie mich nicht einladen können, weil die Zuschauer angeblich keine Behinderten sehen wollen. In Nürnberg stand mal in der Zeitung: "Der behinderte Zwerg Quasthoff hinkt auf die Bühne." Das hat mich so böse gemacht, dass ich das erste und einzige Mal bei einer Zeitung angerufen habe. Aber Schmierfinken und Idioten gibt es in Ihrem Genre wie in meinem. Natürlich gibt es über mich auch diese tränenseligen Rührgeschichten a la "Schwerbehinderter trotzt seinem Schicksal", aber auf die kann ich ebenso gut verzichten.

stern: Sie treten häufig in den Vereinigten Staaten auf. Geht man dort anders mit Ihnen um?

Quasthoff: Bei Tower Records in Boston kam neulich ein junges Mädchen auf mich zu. Sie wollte zwar keine Locke von mir, aber sie sagte ganz aufgeregt: "I'm your biggest fan!" So was schmeichelt einem natürlich. Ich mag es, in den Staaten zu sein, weil die Leute dort sehr offen und locker mit meiner Behinderung umgehen. Sie geben mir zum Beispiel spontan die Hand. Damit haben viele Leute in Europa Schwierigkeiten.

stern: Wir wussten auch nicht, ob Sie wollen, dass man Ihnen die Hand schüttelt.

Quasthoff: Das ist in Ordnung. Ich spüre das ja auch sofort. Ich weiß, dass ich den Leuten helfen kann, wenn ich offen auf sie zugehe und ihnen die Hand entgegenstrecke.

stern: Sehen Sie in Deutschland Fortschritte beim Verhalten gegenüber Behinderten?

Quasthoff: Fragen Sie das bitte einen Behinderten, der in einer so genannten betreuten Werkstatt tagtäglich irgendwelche Fußmatten für 30 Pfennig Stundenlohn zusammennietet. Ich lebe nicht das Leben eines Behinderten, sondern das eines sehr erfolgreichen und privilegierten Künstlers. Manchmal kann ich es selbst kaum glauben, in welchen Regionen ich mich inzwischen bewege. Dann kneife ich mich jedesmal, weil ich denke, ich bin im falschen Film.

Quasthoff, 40, in seiner Garderobe in der Carnegie Hall

stern: Benötigen Sie im Alltag Hilfe?

Quasthoff: Nein. Ich lebe auch in einer völlig normal eingerichteten Wohnung. Ich habe nur deshalb eine Putzfrau, weil ich keine Lust habe, noch den Schrubber zu schwingen, wenn ich abends nach Hause komme.

stern: Sind Sie zur Zeit liiert?

Quasthoff: Ja. Meine Freundin ist auch Sängerin und lebt mit ihren zwei Kindern in Limburg. Ab 2003 werde ich meinen Kalender um 60 Prozent kappen, um endlich mehr Zeit für uns zu haben.

stern: Was halten Sie von neuartigen Klassik-Stars wie Vanessa Mae?

Quasthoff: Was da im Augenblick so an Pseudo-Klassik geboten wird, finde ich zum Haare rausziehen. Frau Mae wird durch ein nasses T-Shirt nicht zu einer besseren Geigerin. Ich gönne Herrn Rieu jede Mark, aber musikalisch ist das ebenso fragwürdig wie dieser Herr Bocelli, der meint, er könne seriöses Opernfach singen. Er kann es einfach nicht. Und wenn sich dann noch ein Pavarotti hinstellt und sagt "Bocelli ist mein Nachfolger", dann muss ich wirklich fragen, ob Pavarotti nicht vielleicht zu viele hohe Töne gesungen hat. Ich finde es abstoßend, wie Bocellis Behinderung vermarktet wird.

stern: Wo endet für Sie die Seriosität?

Quasthoff: Ich würde zum Beispiel nicht mit Montserrat Caballe auf Tournee gehen. Ich mache eben nicht jeden Mist. Das hat für mich etwas mit Wahrhaftigkeit und Integrität zu tun. Ich würde auch nicht mit offenem Hemd und Brusttoupet auftreten, aber ich kann mir durchaus vorstellen, eine Crossover-Platte aufzunehmen, denn von Jazz verstehe ich wirklich etwas.

stern: Hat Ihre Plattenfirma mal versucht, aus Ihrer Behinderung Kapital zu schlagen?

Quasthoff: Nie. Das Gespräch wäre auch nach dem ersten Satz beendet.

stern: Wie halten Sie sich fit?

Quasthoff: Ich war mal ein guter Tischtennisspieler. Leider bin ich ein bisschen dicker geworden und deshalb nicht mehr so schnell auf den Beinen.

stern: Es heißt, Sie seien ausgebildeter Rettungsschwimmer.

Quasthoff: Um Gottes willen! Ich war zwar Mitglied der DLRG und schwimme wirklich sehr gut, aber ich möchte niemandem zumuten, sich von mir retten zu lassen.


Stern Magazin - 13-04-2000