Thomas Quasthoff
Das Interview führte Teresa Pieschacón Raphael in München.
(veröffentlicht in RONDO 6/1997)
Die Musikhochschule verweigerte ihm die Aufnahme. Kritiker gaben ihm wenig
Chancen. Doch das Publikum schenkte dem Baßbariton Thomas Quasthoff schnell seine
Anerkennung.
Ihm die Hand zu reichen, stürzt einen in Verlegenheit. Wie begrüßt man einen
Contergan-Geschädigten, der weder Arme noch intakte Hände hat? Doch da blickt Thomas
Quasthoff auf - ein offener Blick, der Normalität fordert und Mitleid ablehnt. Nun sind
die Verhältnisse klar, die Unsicherheit ist verflogen, die Zerbrechlichkeit seines
Körpers fast vergessen.
- Herr Quasthoff, fast wäre aus Ihnen ein Schlagersänger Marke
Heintje geworden...
- THOMAS QUASTHOFF: Das ist Blödsinn! Ein Redakteur vom NDR hat mich entdeckt, und es war
damals die Heintje-Zeit. Als meine Eltern meinten, wir wollen dem Jungen eine musikalische
Ausbildung geben, da hat er wohl gedacht, daß meine Eltern aus mir so einen Heintje
machen wollten. Das lag ihnen aber völlig fern, es ging darum, mir ein Hobby zu
verschaffen, so wie andere Leute Fußball spielen. Und niemand hat damals geahnt, daß
sich aus dem Singen ein Beruf entwickeln würde.
- Obwohl man Ihnen die Aufnahme an die Musikhochschule verweigerte, weil Sie nicht
Klavier spielen konnten...
- QUASTHOFF: Ja. Und als ich 1986 in Berlin einen Preis bei einem Wettbewerb gewonnen habe
kam die Äußerung: Na ja, schöne Stimme aber über ein großes Orchester kommt der nicht
drüber. Der Herr, der das gesagt hat, hat mich seitdem nicht mehr gehört und behauptet
das immer noch. Das ist Ressentiment, da gibt es Menschen, die über Sänger entscheiden,
die vom Singen überhaupt keine Ahnung haben. So sieht die Sängerlandschaft an den Opern
größtenteils auch aus.
- Und auch die Kritik schreckt nicht vor Taktlosigkeiten zurück und unterstellt
Ihnen, daß Sie aufgrund Ihres Gebrechens keine Atemstütze haben könnten, ja gar nicht
singen könnten.
- QUASTHOFF: Ach, es gibt soviele Kritiker, die glauben, schreiben zu können, und sie
können es nicht wirklich. Da meinte einer kürzlich schreiben zu müssen, Elisabeth
Leonskaja sei keine Pianistin, sondern eine gute Klavierspielerin. Wer sich zu so etwas
als fertiger Musikstudent erdreistet, ist für mich geradezu ein Idiot. In München ist es
besonders schlimm. Man hat manchmal das Gefühl, daß manche Kritiker ihr eigens Profil
dadurch gewinnen, daß sie Leute, die erfolgreich sind, ordentlich in die Pfanne hauen.
- Finden Sie, daß Kritiker zuviel Macht haben?
- QUASTHOFF: Nein, die Crux ist, daß sie glauben, sie hätten viel Macht. Doch in
Wirklichkeit haben sie keine. Was sich zum Beispiel die große Süddeutsche
Zeitung feuilletonistisch leistet, finde ich eine unglaubliche Frechheit. Nehmen wir
Frau Lemke. Ich frage mich, was die studiert hat?! Ich habe es zweimal mit Kollegen und
einmal mit mir selber erlebt - Frau Lemke mag offenbar Neue Musik, und jeder der ein
anderes Programm macht, wird erst einmal zerissen. Eine Arroganz ... unbeschreiblich!
- Vielleicht auch ideologische Borniertheit?
- QUASTHOFF: Das sagt es ja schon. Jeder Sänger muß für sich selber wissen, wo seine
Stärken liegen. Meine Stärken liegen in der Romantik, also im klassischen Repertoire,
und ich befinde mich damit in guter Gesellschaft. Ich singe ja auch Neue Musik, aber viele
Neue Musik ist einfach nicht gut geschrieben, gerade für Sänger.
- Der Schauspieler Will Quadflieg sagt, Kritik sei das Psychogramm eines
Kritikers...
- QUASTHOFF: Der Satz ist sehr gut, und er stimmt. Ich denke jetzt an Leute wie Joachim
Kaiser, Leute, die keine Frustration aufgebaut haben. Das sind Kritiker, von denen ich
lernen kann, weil sie einfach auch etwas wissen. Aber zu der besagten Dame der
Süddeutschen ... das ist eine derartige Arroganz, die sich solche Leute
leisten. Und ich frage mich, mit welchem Recht? Die "Süddeutsche" ist nicht
mehr das Medium, das es einmal war.
- Sie wurden zwergwüchsig geboren und sind verkrüppelt an Armen und Beinen...
- QUASTHOFF: Meine Mutter hat in der Schwangerschaft das Schlafmittel Contergan
eingenommen hat, und dann ist es passiert. Man muß bedenken, daß die Firmen damit auch
heute noch Profit machen. Selbst nach vierzig Jahren wird dieses Päparat weiter verkauft;
zweihundert neue Contergan-Fälle gibt es pro Jahr. Mit tausend Mark Rente im Monat werden
die Kranken abgespeist; gelinde gesagt eine Sauerei! Und die Firmen verdienen Milliarden
an diesen Produkt. Das finde ich pervers.
- Ihre Mutter muß große Schuldgefühle gehabt haben.
- QUASTHOFF: Ja, die hat sie heute noch und wird sie immer haben, aber darüber möchte
ich nicht sprechen.
- Sie sind mit einem gesunden älteren Bruder aufgewachsen; wurden Sie mit
besonderer Vorsicht behandelt?
- QUASTHOFF: Nein, ich habe genauso eins hinter die Ohren gekriegt, wenn ich mal nicht so
pariert habe, wie meine Eltern das gerne wollten. (lacht)
- Auch Sie selbst schonen sich nicht...
- QUASTHOFF: Selbstbetrug ist meine Sache nicht. Ich bin mein schärfster Kritiker. Und
ich umgebe mich mit Menschen, von denen ich glaube, daß sie sehr kritisch mit mir
umgehen. Sonst könnte ich auf Dauer nicht in der künstlerischen Region bleiben, in der
ich mich befinde. Die Selbstkritik halte ich für das Wichtigste in diesen Beruf.
- Ich hatte eine Kommilitonin, die das gleiche Schicksal wie Sie hatte, und was
mir an ihr auffiel, war ihr ungemeiner Ehrgeiz.
- QUASTHOFF: Ich bin ehrgeizig, aber nicht krankhaft. Wenn man fast fünfzehn Jahre auf
der Bühne steht, dann merkt man ganz schnell, daß es auch noch etwas anderes gibt, als
nur für die Stimme zu leben. Mir sind Freundschaften mittlerweile zumindest genauso
wichtig wie der Beruf.
- Zu der Erkenntnis kommen viele, wenn Sie einen Herzinfarkt erlitten haben...
- QUASTHOFF: Ja, aber das ist bei mir relativ unwahrscheinlich, ich trinke wenig Alkohol
und rauche auch nicht.
- Haben Sie durch Ihre Behinderung ein besonderes Gesundheitsbewußtsein?
- QUASTHOFF: Es ist die Singerei, durch die man ein anderes Körperbewußtsein entwickelt.
Wenn ich zum Beispiel nur vier Stunden schlafe, dann wird die Stimme nicht so klingen wie
wenn ich acht oder neun Stunden schlafe. Ich kann mich auch nicht zwei Tage vor einem
Konzert in eine verrauchte Kneipe setzen.
- Mußten Sie bei Ihrer Sänger-Ausbildung bestimmte Muskelgruppen trainieren?
- QUASTHOFF: Entscheidend ist der Kopf, und der ist normal groß, das ist der
entscheidende Resonanzraum und nicht der Körper. Meine Stimmbänder sind normal
gewachsen. Die Muskulatur ist bei mir, was den Oberkörper angeht, normal. Man singt ja
nicht mit den Armen...
- Trägt nicht die Gestik viel zum Ausdruck bei?
- QUASTHOFF: Bei vielen Sängern steht die Stimme im Vordergrund und nicht der Ausdruck.
Mich interessiert kein reiner Schöngesang, sondern es muß eine Mischung sein aus Stimme
und Ausdruck, und jede Ablenkung vom Gesicht, vom inneren Ausdruck lenkt letztlich auch
von der Musik ab.
- Kann eine schöne Stimme zum Hindernis für die Interpretation werden?
- QUASTHOFF: Langweilig wird es. Hindernis für die Karriere nicht, weil wir weltweit auf
so einen Stimmschönheitstrip sind. Doch was nützt die schönste Stimme, wenn ich nichts
verstehe, wenn ein Leporello nicht durchtrieben klingt. Ich habe auf Meisterkursen so
viele Leute erlebt mit einer wunderschönen Stimme, denen man aber zum Beipiel nicht
klarmachen konnte, daß die Forelle in dem Lied etwas lebendiges ist, daß man das sehen
muß. Ich sage immer: "Leute, wo schwimmt die Forelle?" Sie bewegt sich, und das
muß vor dem geistigen Auge erstehen. Das machten den Unterschied aus zwischen einem
Sänger und den wirklichen Interpreten.
- Sie habe lange als Sprecher beim NDR gearbeitet. Hat Ihnen das bei der
Liedinterpretation geholfen?
- QUASTHOFF: Schon meine Lehrerin hat immer darauf geachtet, daß ich auch gut verstanden
werde. Ein Liedsänger, der nicht verstanden wird, ist kein guter Liedsänger.
- Spüren Sie manchmal Ihre Grenzen?
- QUASTHOFF: Ja. Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin kein so armer Mensch, wie
ich oft dargestellt werde. Ich habe achtzig Konzerte pro Jahr, eine C4-Professur auf
Lebenszeit, sehr, sehr liebe Freunde, ich habe ein fantastischen Bruder, eine tolle
Familie und bin gesund. Ich gebe allerdings zu, daß ich mich lange gefragt habe, ob die
Menschen in meine Konzerte kommen, weil ein enormer Respekt vor der Behinderung da ist...
- Oder auch des Deutschen Lust am Betroffensein?
- QUASTHOFF: ... die Schreinemakerei! (lacht)
- Keine Sorge, ich lege ihnen jetzt nicht die Hand auf die Schulter; den
Schreinemakers-Blick kriege ich sowieso nicht hin...
- QUASTHOFF: Bringt auch nur was, wenn die Kamera dabei läuft... (lacht)
- Was sagen Sie zu David Helfgott?
- QUASTHOFF: Er war in Frankfurt einen Tag nach mir, und es waren unglaublich viele Leute
da. Solange das so ist, kann man nicht sagen, er darf nicht spielen. Es scheint ihm zu
helfen. Doch da ist noch etwas anderes. In dem Moment, wo er sich - beispielsweise in
München in der Philharmonie - auf eine Bühne stellt, muß er sich Vergleiche gefallen
lassen, und diese Vergleiche sind nicht möglich, weil jeder - und ich betone: jeder -
Student einer Musikhochschule besser spielt als David Helfgott. Da hört es dann einfach
auf, finde ich. Die Leute jubeln und jubeln, aber was da künstlerisch passiert,
interessiert keinen mehr. Es zählt das Spektakel. Das haben die drei Tenöre vorgemacht.
Wer da glaubt, daß diese Konzerte der klassischen Musik helfen, der irrt gewaltig.
- Sie wohnen in Hannover, alleine. Brauchen Sie Hilfe im Alltag?
- QUASTHOFF: Nein. Ich mache alles, was ich kann, mit den Händen. Ich habe eine ganz
liebe Frau, die sich um die Sauberkeit meiner Wohnung kümmert. Ich könnte auch
Autofahren. Ich will es nur nicht.
- Wie werden Sie mit dem ständigen Angestarrtwerden fertig?
- QUASTHOFF: Ach ich bin jetzt siebenunddreißig, und irgendwann verliert sich auch die
Spannung. Bei Kindern finde ich das völlig in Ordnung. Wenn es zu penetrant wird und
Leute mich durch eine halbe Fußgängerzone verfolgen...
- So etwas gibt es?
- QUASTHOFF: Ja, das gibt es. Dann drehe ich mich auch schon mal um und frage sie, ob sie
nichts anderes zu tun haben Alles, was nicht der Norm entspricht, wird eben angestarrt.
Das ist so. Für mich ist meine Behinderung ein Faktum und nicht ein Problem.