Auf der Suche nach den Gefühlen

Interview mit Thomas Quasthoff

Der Mann hat Stimme und er hat etwas zu sagen. Das eine brachte ihm einst den 1. Preis im ARD-Wettbewerb und zuletzt den Niedersachsenpreis ein, das andere die Aufmerksamkeit der Betroffenen, denn der demnächst 39jährige Baßbariton Thomas Quasthoff nimmt kein Blatt vor dem Mund - allenfals ein Notenblatt.

Als der junge Sänger nach seinem Sieg beim Münchener Wettbewerb 1988 die Konzertpodien eroberte, gab es noch Skeptiker, die seine Körperbehinderung (als sogenanntes "Contergan"-Kind) als Karriere-Hindernis werteten. Tatsächlich stand sie nur einer Opernbühnenkarriere im Wege - solange sich Quasthoff für Verdis Zwerg Rigoletto stimmlich noch zu jung fühlt. So erobert er sich derzeit lieber alle ihm (nahe)liegenden Mozart-Rollen auf der Hörbühne der CD. Mittlerweile ist Quasthoff Professor in Detmold und ein vielgefragter Lieder- und Oratoriensänger. In Hannover, wo der gebürtige Hildesheimer lebt, unterhielt sich Rainer Wagner mit Thomas Quasthoff über das Lehren von Musik und die Lehren aus der Musik, über die Chancen und die Probleme von Liederabenden und über das, was Neuer Musik oft fehlt.

KLASSIK heute: Als Sie vor fast 20 Jahren an den hannoverschen Musikhochschule studieren wollten, da hat man Sie nicht einmal zum Vorsingen zugelassen. Mittlerweile sind Sie nicht nur ein viel gepriesener und preisgekrönter Sänger, sonder selbst Professor.

Thomas Quasthoff: Der Ärger von damals ist für mich erledigt. Belassen wir es bei der Aussage des jetzigen Hochschulpräsidenten, der meinte, sein Institut habe damals 'nicht sehr clever reagiert'. Jetzt bin ich in Detmold an der Hochschule und bin froh, daß ich dort bin. Ich bin dankbar und froh, wie es gelaufen ist und trage der Hochschule hier in Hannover auch nichts an.

Herr Professor Quasthoff, was kann man denn werklich lehren ?

-Begabung sicherlich nicht, denn das ist die Grundvoraussetzung, wenn man Gesang studieren will. Und ich glaube, daß die Begabung mindestens 50 Prozent ausmachen muß. Man kann Technik vermitteln, Freude an der Musik, Ernsthaftigkeit, Disziplin - das ist vielleicht in diesem Beruf das Allerwichtigste, so komisch das klingt - und auch Dankbarkeit gegenüber der Musik. Das fehlt mir oft bei jüngeren Musikern: eine gewisse Demut gegenüber dem, was man tun darf.

Gibt es bei ihrer Lehrtätigkeit einen Schwerpunkt Liedgesang ?

-Ich bin Professor für Gesang. Dazu gehört Lied, Oper, Operette, Oratorium, Konzert: alles.

Und das für alle Männerstimmfächer ?

-Ich habe nicht nur Männerstimmen, sondern auch Frauenstimmen. Das Argument, man könne als Frau nur bei einer Frau singen lernen und als Mann nur bei einem Mann, das halte ich für sehr überholt.

Und sie selbst sind ja ein wunderbares Gegenbeispiel

-Das kann man wohl sagen. Ich bin auch sehr, sehr gelücklich mit meiner Lehrerin Charlotte Lehmann gewesen. Und das waren immerhin siebzehn lange Jahre, von denen ich wirklich kein Jahre bereue.

Sie gehören zu den Künstlern, die auch Kritiker kritisieren. Sollten vielleicht nicht nur Sänger, sondern auch Kritiker an den Hochschulen ausgebildet werden ?

-Ein bißchen mehr Fachwissen und ein bißchen mehr Liebe zu den Menschen - so kitschig das klingen mach -, die da versuchen, Abend für Abend wirklich ihr Allerallerbestes zu geben, würde dem Ganzen manchmal schon ganz gut tun. Ich glaube, man macht einen Fehler, wenn man denkt, diese Ausbilding - egal ob als Musiker oder Kritiker - in der Hochschule reicht für den Beruf. Ich bin mit 29 Jahren von meiner Lehrerin weggegangen und habe dann erst gemerkt, was es bedeutet, alleine Dinge zu erarbeiten, alleine Profil zu gewinnen. Man muß dann sehr konzentriert und sehr hart und gewissenhaft an sich selbst arbeiten, um das zu bekommen, was man für den Beruf braucht. Das gilt für Musiker wie für Kritiker. Und für Musiker, die Kritiker sind.

Wie würden Sie selbst sich einordnen ? Baßbariton klingt ja vieldeutig, auf Ihrer Mozart-Arien-CD dominiert neben echten Baßarien der Bariton.

-Das ist bei mir etwas schwer, weil ich das große Glück habe, einen relativ großen Stimmumfang für einen Bariton zu haben. Ich bin wohl ein Bariton mit Baßtendenz, aber kein richtiger schwarzer Baß. Ich kann genauso gut ein - hörbares! - tiefes D (wie in Haydns "Schöpfung") und ein hohes A singen. Nur als lyrischen Bariton würde ich mich nie bezeichnen. Die relativ große stimmliche Bandbreite erlaubt mir auch eine relativ große Bandbreite im Repertoire.

Wären Sie lieber ein Leporello oder ein Giovanni ? Lieber ein Graf oder lieber ein Figaro ?

-Lieber ein Graf. Doch im "Don Giovanni" finde ich beide Partien toll. Ich kann beide singen und finde sie spannend - auch von der Rolle her und nicht nur vom Stimmverständnis. Aber ich denke noch an andere Rollen. Macbeth etwa würde ich auch mal gerne auf Schallplatte bannen. Im nächsten Jahr singe ich eine tiefere Baritonpartie, den Mephistopheles in Berlioz' "La Damnation de Faust", mit Bernhard Haitink zusammen. Ich versuche, immer ein Gleichgewicht herzustellen. Grace Bumbry soll einmal gesagt haben: "Als ich mit Mezzopartien anfing, sagten alle, jetzt macht sie ihre Stimme kaputt. Aber ich singe immer noch." Und zwar immer noch ziemlich gut. Man muß das für sich selber rausfinden, wie eine Stimme reagiert.

Was ist für einen Sänger am gefährlichsten ?

-Die falsche Belastung...

... in Sachen Genre oder in Sachen Kondition und Überforderung ?

-Beides. Wir leben in einer Zeit, in der alles schnell gehen muß: Karrieren, Geld. Viele Sänger machen den Fehler, schnellen Ruhm zu suchen. Und schneller Ruhm stellt sich - wenn die Begabung stimmt - bei manchen auch sehr schnell ein. Nur ist das oft eine Momentaufnahme. Aber es geht ja darum, daß man das, was man gut kann, auch in zehn oder fünfzehn Jahren noch gut kann. Für mich selber habe ich mir eine Grenze von 60 Jahren gesetzt (soweit die Stimme das mitmacht), weil ich nicht zu den Sängern gehören möchte, die man nicht mehr sehen und hören mag. Mann sollte versuchen dann abzutreten, wenn man noch gut ist.

Dazu braucht der Sänger aber Einsicht ?

-Um wirklich erfolgreich zu sein, braucht man eine sängerische Intelligenz. Die "Carmina Burana", die man mir jedes Jahr anbietet, kann ich kaum noch zählen, aber ich singe sie grundsätzlich nicht mehr, obschon ich das kann. Ich merke einfach, wenn ich meine "Carmina" singe, meist mit drie, vier Proben und vielleicht noch ein, zwei Konzertwiederholungen, dann ist man stimmlich kaputt. Nicht funktionsunfähig, aber es geht an die Grenzen. Jeder Lehrer hat die Verpflichtung, zu sagen: Freunde, laßt euch Zeit ! Das tue ich mit meinen Studenten sehr eindringlich und behutsam. Nein, behutsam bin ich nicht. Ich bin eher ein kleiner Poltergeist.

Wenn Sie das Stimmaterial einschätzen, das zu Ihnen kommt, können Sie dann dem Urteil oder auch dem Klischee zustimmen, es gebe die Stimmen wie früher nicht mehr ?

-Ich glaube, es hat diese stimmlichen Aufs und Abs immer gegeben. Nach dem Krieg etwa hatten wir eigentlich nur einen Liedsänger: Fischer-Dieskau. Und der ist es bis vor wenigen Jahren gewesen. Es gibt im Tenorfach immer wieder junge Leute, die nachkommen. Man hat immer gesagt, nach Pavarotti kommt nichts mehr, jetzt haben wir einen Alagna, einen Cura und andere. Vergessen wir nicht, zu Carusos Zeiten hat man sich auf ein Schiff gesetzt und ist zehn, vierzehn Tage gemütlich gefahren, hatte keinen Jet-Lag und war erholt. Wir haben jetzt einen Matthias Goerne, einen Thomas Hampson, einen Olaf Bär, einen Andreas Schmidt, den ich persönlich sehr schätze. Und bin auch nicht ganz schlecht. Es ist nicht so, daß es keinen Nachwuchs gibt.

Ist est für einen Pädagogen nicht frustierend, wenn er sieht und hört, welche ungeformten Stimmen auch Karriere machen können ? Ich denke da an einen blinden Tenor.

-Im Grunde gönne ich jedem von ganzem Herzen, wenn er Erfolg hat. Außerdem sind Stimmen immer auch Geschmackssache. Und offensichtlich findet dieser Mann bei vielen Leuten Anklang. Was soll's. Schlimmer finde ich, daß das so vermarket wird, als wären es ganz große Stimmen. Oder als wäre es ein ganz großer Pianist wie David Helfgott, der schlicht und ergreifend ein kranker Mann ist. So jemand muß sich, wenn er auf Tourneen geht, mit Brendel, Kissin und anderen messen. Und das kann er nicht. Es mag auch Leute geben, die über mich sagen, wenn er nicht behindert wäre, hätte er nicht diesen Erfolg. Das wird man nie verhindern können. Neider werden immer mehr, je erfolgreicher man ist. Aber wenn sich selbst ein Pavarotti hinstellt und sagt, Bocelli is mein Nachfolger - dann würde ich ihn fragen, ob er wirklich weiß, was er da sagt. Bocelli soll seine Schlager singen, das ist in Ordnung; wenn jemand mit einer Stimme ohne jede Ausstrahlung anfängt, Opernarien zu trällern, dann tut mir das weh.

Wird die vermeintliche Volksbildung nicht zur Verbildung, wenn Tausende glauben, sie hätten dabei Oper erlebt. Verrutschen da nicht die Maßstäbe ?

-Mich stört nicht, daß Stars und Tenorstars singen, sondern daß Geld von Sponsoren da reingepumpt wird in Irrsinnssummen, die dann bei kleineren Konzerten oder Inszenierungen, die vom künstlerischen Niveau ein bis drei Klassen höher liegen, nicht da sind. Insofern helfen die Drei Tenöre nicht der klassischen Musik, sondern sie schaden ihr. Über die künstlerische Qualität möchte ich mir kein Urteil erlauben, schließlich bin ich ein großer Fan von allen dreien gewesen. Und wenn mir einer Konzert für eine Million Dollar anbieten würde, würde ich es auch nicht ablehnen.

Aber Sie würden nicht wie die Drei Tenöre behaupten, sie dienten damit der klassischen Musik oder zumindest ihrer Popularisierung ?

-Das würde ich mit Sicherheit nicht. Weil es effektiv nicht stimmt.

Reden wir über kleinere Auditorien. Über Liederabende, die angeblich in der Krise sein sollen. Stimmt das ?

-Nein. Ich kann zwar nur für einige Kollegen sprechen, aber ich weiß, daß etwa Hohenems (Feldkirch) steigende Verkaufszahlen hat. Ich habe in Köln im vorigen Jahr zur Schubertiade eine "Winterreise" gesungen in der großen Philharmonie, und die war ausverkauft. Ich weiß, daß die Konzerte von Matthias Goerne, die Liederabende von Andreas Schmidt ausverkauft sind. Aber ich weiß auch, daß Liederabende von älteren Kollegen nicht mehr ausverkauft sind, und das hat Gründe.

Beleg dafür, daß das Publikum er Liederabende besonders kritisch und fachkundig ist ?

-Ja. Man muß schon Liebe zum und Kenntnis vom Detail haben, was Farben angeht, was Dichtung meint. Fischer-Dieskau hat einmal gesagt, daß Lieder viel schwerer seien als Oper, weil man innerhalb eines Liedes eine ganze Geschichte erzählt, während eine Arie immer nur einen Teil einer Geschichte erzählt. Deswegen ist es ein sehr schweres Genre, aber auch ein sehr ehrliches, weil man weniger betrügen kann. Man kan in der Oper durch Schauspiel und Gestik mehr kaschieren als bei einem Liederabend.
Allerdings ist die Gattung Liederabund auch mißbraucht worden von vielen großen Stars, die meinten, sie müßten auch einen Liederabend geben. Das passiert heute nocht, daß Opernstars glauben, sie müßten auch Lieberabende geben - und dann auch noch pressemäßig gepusht werden. Um dann meist nur Stimmakrobatik zu liefern, die mit Liedgesang überhaupt nichts zu tun hat.

Dann sind da ja noch die Opernstars, die ihren Zenit überschritten haben, aber glauben, für einen Liederabend reiche es schon noch...

-... das ist doch heute noch so. Irgendwann muß man doch wissen, wo die Grenze ist und wann man aufhören soll.

Sie geben Liederabende ja in der ganzen Welt. Gibt es einen signifikanten Unterschied zwischen dem Publikum ?

-Ich habe ein wunderschönes Beispiel in Rom erlebt, wo ich mein Liederabend für Italien gegeben habe. Wir wurden noch gewarnt, daß das Publikum vielleicht britisch distanziert reagiert, weil ihm das Sujet doch nicht so nahe ist, aber bereits nach einer Minute war Totenstille im Saal. Und am Schluß gab es zehn Minuten standing ovations. Das hat offenbar sogar der Scala Eindruck gemacht. Es hängt eben viel davon ab, wie man etwas präsentiert. Es reicht eben nicht - und das ist der große Irrglaube, dem viele erliegen - es reicht nicht, schön zu singen...

Schon gar nicht bei Schubert und bei der "Winterreise" ?

-Generell nicht. Aber bei der "Winterreise" ist es noch extremer. Mir steht ja letztlich das Hilfsmittel Geste nicht zur Verfügung. Bei mir läuft viel über das Gesicht, also über das innere Erleben: Ich fühle das in dem Moment, in dem ich es singe. Und da liegt ein Geheimnis, die Leute direkt anzusprechen mit dem, was man sagen will. Und nicht einen Liederabend abzuliefern nach der Methode: "Der Liederabend läuft sowieso, meine Stimme ist in Ordnung, dann wird's schon." Das ist sehr gefährlich und das wäre auch der Tod des Liederabends.

Wie weit geht das Publikum mit in Sachen Repertoire und wie weit gehen Sie ?

-Ich hatte auch einen vollen Saal in Wien, als ich Reimann gesungen habe, obwohl das Publikum vorgewarnt war, oder als ich in Köln die "Jedermann-Monologe" von Martin gemacht habe. Aber da sind wir wieder bei dem Punkt, daß auch die Neue Musik daran krankt, daß sie oft - weil sie auch etwas kompliziert ist in den musikalischen Strukturen - zu intellektuell wiedergegeben wird. Die Leute folgen einem in dem Moment, wo man auch das Gefühl rüberbringt, das in diesem Stück steckt. Es muß eine Balance sein zwischen Intellekt und Emotion. Auch bei der Neuen Musik muß man die Emotion herauskitzeln. Was in der Klassik und Romantik geht, geht bei Neuer Musik auch. Ich lasse meine Studenten viel Musik aus dem 20. Jahrhundert singen, weil ich das für wichtig halte.

Stichwort 20. Jahrhundert, Stichwort Jahrhundertwende. Zeit für eine Bilanz. Was bleibt von der Musik dieses ausgehenden Jahrhunderts ?

-Schwere Frage. Ich glaube, daß im Opernsektor mehr bleibt als im Konzertfach.

Und was würde Sie reizen, wenn es darum geht, Oper des 20. Jahrhundert aufzunehmen ?

-"Moses und Aron" !

Auch Reimanns "Lear" ?

-Ja, aber das ist nicht mein Stück, ich bin ja keiner lyrischer Bariton. Aber es ist eines der großen Stücke.

Und der "Wozzeck" ?

-Ja, daran habe ich gedacht. Aber ich tue mich da schwer, von Musik des 20. Jahrhunderts zu sprechen, weil Berg seine Wurzeln nicht im 20. Jahrhundert hat. Was ich schade finde, ist, daß viele Komponisten unseres Jahrhunderts es verlernt haben, für die Stimme zu schreiben. Das gilt für Kammermusik genauso wie für Konzert und Oper. Da ist nun schon sehr oft vieles so schwer verständlich; und dann muß es ja immer alles apokalyptisch sein. Was mir dabei so fehlt, ist Humor !


Klassik heute - 1998