Baßbariton Thomas Quasthoff über seine Behinderung, die Qualität seines Singens und Beethoven im ehemaligen KZ Mauthausen
![]() Thomas Quasthoff: "Musik hat mir über viel Schlimmes im Leben hinweggeholfen." |
FORMAT: Bei Ihrem Liederabend im Musikverein wurden Sie mit stehenden Ovationen gefeiert. Reagiert Ihr Publikum oft so?
QUASTHOFF: Ich erlebe das häufig, so unwahrscheinlich es klingen mach. Ich habe gerade eine fünfwöchige Amerikatournee hinter mir, und da hatte ich ähnliche Reaktionen. Ich versuche, so gut ich kann, Musik zu machen, so ehrlich wie möglich, ohne Effekthascherei.
FORMAT: Hat diese Begeisterung des Publikums auch mit Ihrer Behinderung zu tun ?
QUASTHOFF: Das hoffe ich nicht. Im Konzertsaal bin ich ein Sänger, der behindert ist, und nicht ein Behinderter, der singt. Es ist weder fair, mich zu diskriminieren - in einer deutschen Zeitungskritik stand der unverschämte Satz "Der behinderte Zwerg Quasthoff hinkt auf die Bühne" -, noch lege ich Wert auf billiges Mitleid. Ich weiß, daß ich als Künstler dem internationalen Maßstab erstklassiger Leistungen entspreche, und möchte danach beurteilt werden.
FORMAT: Sie glauben, daß Ihr Publikum bei Ihren Auftritten von Ihrer Behinderung abstrahieren kann ?
QUASTHOFF: Wenn ich das erste Mal irgendwo auftrete, spielt meine Behinderung sicherlich eine Rolle. Ich kann auch nicht ausschließen, daß sich jemand daran stört. Ich glaube aber nicht, daß die Leute in Wien in den Musikverein kommen, wo ich seit fünf Jahren regelmäßig Liederabende gebe, weil sie einen behinderten Mann sehen wollen, sondern weil ich den Menschen künstlerisch etwas zu sagen habe. Meine Interpretationen sind natürlich nicht losgelöst von dem, was in meinem Leben stattgefunden hat, aber das ist bei jedem andern Sänger auch so. Mein Schicksall ist nur ein anderes.
FORMAT: Der blinde Tenor Andrea Bocelli wurde mit Hilfe seiner Behinderung von den Medien zum Popstar gehypt.
QUASTHOFF: Schrecklich, diese Vermarktung einer Behinderung. Da geht es doch nur ums Geschäft. Ich gönne Herrn Bocelli seinen Erfolg, der kann meinetwegen hundert Millionen Mark im Jahr verdienen. Aber ich finde es schlimm, daß diese Leute unter der Rubrik Klassik laufen. Bocelli kann keine Klassik singen. Wenn ich sein Niveau vergleiche mit Domingo oder Neil Shicoff, dann hat er da nichts verloren. Das gleiche gilt für den psychisch kranken Pianisten David Helfgott. In dem Moment, wo sich jemand auf ein Podium begibt wie die Kölner oder Berliner Philharmonie, muß er sich vergleichen lassen mit den Besten. Und diesem Vergleich halten weder Bocelli noch Helfgott stand.
FORMAT: Sie haben beim umstrittenen Konzert der Wiener Philharmoniker im ehemaligen KZ Mauthausen mitgewirkt. Wie haben sie die Veranstaltung erlebt?
QUASTHOFF: Beethovens 9. Symphonie unter Simon Rattle in Mauthausen gehört zu den tollsten Konzerten, die ich bisher in meinem Leben haben durfte. Ich bin stolz und glücklich, dabeigewesen zu sein. Es war ein große Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit an diesem Tag im Mauthausen. Daß die Wiener Philharmoniker ein solches Zeichen gesetzt haben, verdient Hochachtung. Der zentrale Satz der Neunten Beethovens ist doch "Alle Menschen werden Brüder", und was Simon Rattle sagt, umschreibt die Idee dieses Konzertes am besten: "Musik ist da, um zu heilen." Niemand weiß das besser als ich, weil die Musik mir über so viel Schlimmes in meinem Leben hinweggeholfen hat.
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published in FORMAT - 15-5-2000