Ernst, doch nie wehleidig

Der Sänger Thomas Quasthoff und Schuberts "Winterreise"

by Miriam Stumpfe


Thomas Quasthoff spricht gerne. Ein Anruf: eigentlich nur, um zu sagen, daß er keine Zeit für ein Interview hat.

Gerade eben sei er von einer Japan- Tournee zurückgekehrt, und die Tage bis zum Auftritt in München seien angefüllt mit Phototermin, Konzert in Salzburg, Unterricht. Dann plaudert er aber doch drauflos. Über Organisationschaos in Japan, über Kritik und Kritiker, über seine Abneigung gegen Manierismen beim Singen und über seine Lieblingskomponisten im 20. Jahrhundert: Britten und Schostakowitsch. Da spricht jemand, der sich seiner Sache und seiner Beredsamkeit sicher ist.

Thomas Quasthoff, Ende dreißig und in Hannover zu Hause, ist das, was man etabliert nennt: Vor zehn Jahren mit einem ersten Preis beim ARD-Wettbewerb schlagartig ins Licht der Musiköffentlichkeit katapultiert, ist er als Lied- und Oratoriensänger überall gefragt, singt bei den wichtigsten Festivals in Europa und seit drei Jahren regelmäßig auf Tourneen in den USA und Japan. Seit 1996 ist Quasthoff auch Professor für Gesang an der Musikhochschule Detmold – und fand so Zugang zu jener Institution, die ihm als Lernendem verschlossen blieb. Weil Quasthoff als Contergangeschädigter zu kurze Arme hat, kann er nicht Klavierspielen. Das aber verlangen deutsche Musikhochschulen als Aufnahmekriterium, auch wenn jemand, wie Quasthoff, eine Ausnahmestimme hat. Thomas Quasthoff hielt sich für seine Gesangsausbildung deswegen an Privatlehrer, studierte Jura und verdiente sein Geld als Sprecher beim Norddeutschen Rundfunk.

Der Preis beim ARD-Wettbewerb brachte dann den Durchbruch. An die 1000 Konzerte, schätzt Quasthoff, hat er seitdem gegeben. Rund hundertmal wohl war darunter Schuberts Winterreise. Und wenn er sie heute im Herkulessaal singt, dann ist das ein kleines Jubiläum: Ziemlich genau vor zehn Jahren hat er sich damit erstmals dem Münchner Publikum vorgestellt, kurz nach seinem Sieg beim ARD-Wettbewerb. Zu früh, wie er heute sagt, zu wenig Konzerterfahrung hatte er damals mit dem Zyklus. Über die Kritik Joachim Kaisers, die Ähnliches formulierte, hat er sich trotzdem geärgert. Die Aussicht auf den heutigen Liederabend aber läßt Quasthoff fast ins Schwärmen geraten. Wohl nicht nur, weil er sich seiner sicher ist und deswegen beherzt für sich eintreten kann, sondern auch, weil er an die Arbeit mit seinem Begleiter Charles Spencer denkt. Mit ihm hat er im Frühjahr die Winterreise auf CD eingespielt. Die Aufnahme zeigt, daß sich da zwei völlig einig sind; einig, den Liederreigen in einem dunklen, ernsten, nie wehleidigen Ton zu tauchen.

Eine ganz besondere Atmosphäre, so Quasthoff, trage die Zusammenarbeit mit Spencer; vor sechs Jahren musizierten sie das erste Mal zusammen – und verstanden sich auf den ersten Blick. Ein Einverständnis, das man sich nicht erarbeiten kann; das Geheimnis, auf dem es beruht, umschreibt Quasthoff denkbar schlicht: "Es gibt einfach nichts Schöneres, als mit Freunden zu musizieren." Und wie es klingt, ist heute um 20 Uhr im Herkulessaal zu hören.


Süddeutsche Zeitung - 21 December 1998