Der Triumph der Kunst

Thomas Quasthoff, Contergan-geschädigter Liedsänger mit Weltkarriere, berührt mit Brahms und Liszt bei den Wiener Festwochen, mit Beethoven beim Konzert der Wiener Philharmoniker in Mauthausen und wird unter Simon Rattle in Salzburg als Opernsänger debütieren.


Seine Stimme, deren außergewöhnlicher Umfang von den nachtschwarzen Tiefen des Baßregisters bis in die leuchtenden Höhen eines Verdi-Baritons reicht, macht den deutschen Baßbariton Thomas Quasthoff zu einem herausragenden Liedinterpreten. Sein Schöngesang wird von Kritikern geschätzt und vom Publikum geliebt. Und sein gewaltiger Ausdruckswille prädestiniert ihn zum Ausnahmekünstler.

Wiener Musikverein, Brahmssaal, vergangenen Mittwoch: Im Rahmen der Festwochen-Konzerte gibt Thomas Quasthoff einen Liederabend mit Werken von Brahms und Liszt. Schlangen an den Kassen, ausverkauft. Auf der Bühne ein Podium mit drei Stufen, darauf ein Sessel (unüblich bei einem Solistenkonzert), davor ein Notenpult. Hinten das Klavier, an dem Justus Zeyen, Quasthoffs Liedbegleiter, Platz nimmt.

Auftritt des Stars: Der Sänger ist so klein wie ein sechsjähriges Kind, Kniegelenke und Arme fehlen, unter den kurzen Armeln des schwarzen T-Shirts schauen kleine Hände hervor. Quasthoff beginnt zu singen, mit unerhörter Ausstrahlung und Leidenschaft. In jedem Ton schwingt romantischer Weltschmerz und überwundenes Leid mit, seine Erscheinung, Symbol für die Qualen, von denen er singt, und seine preisgekrönte Stimme, Triumph der Kunst über die Beschränkungen des Lebens, stehen in faszinierendem Wechselspiel.

Am Ende tosender Applaus. Quasthoffs vierte Zugabe, Schuberts Danksagung "An die Musik" mit der Zeile "Du holde Kunst, ich danke dir" wird zum berührenden Resümee des Abends. "Hast mich in eine bess're Welt entrückt", strömt der Legatowohlklang aus der Kehle des Sängers. Einige Damen zücken ihre Taschentücher. "Ich möchte Ihnen sagen, daß mich das Gedenkkonzert in Mauthausen sehr berührt hat", sagt Quasthoff zum Abschied. "Und bleiben Sie alle, die Sie heute gekommen sind, so tolerant und weltoffen, dann wird in Ihrem Land alles wieder in Ordnung kommen."

CONTERGAN-OPFER

Die Contergan-Behandlung der Schlafstörungen seiner Mutter während ihrer Schwangerschaft hat die Behinderung des heute vierzigjährigen Baßbaritons verursacht. Nichtsdestotrotz tritt er in allen großen Konzertsälen der Welt auf. Seine Einspielung von Mahlers Liederzyklus "Des Knaben Wunderhorn" mit den Berliner Philharmonikern unter Claudio Abbado wurde heuer in Los Angeles mit dem begehrten Grammy ausgezeichnet. "Nur Schöngesang und gutes Aussehen sind zu langweilig", sagt Quasthoff. "Die menschliche Stimme ist das farbenreichste Instrument, das es überhaupt gibt. Ich verwende wie ein Maler verschiedene Farben. Trauer, Humor, Lust müssen sich in der Stimme, im Körper mitteilen."

Die expressive Körperlichkeit des Musizierens findet Quasthoff in der Arbeit mit dem englischen Pultstar Simon Rattle wieder, unter dessen Stabführung er vor einer Woche mit den Wiener Philharmonikern in Mauthausen auftrat. "Rattles Art, Musik mit jeder Zelle seines Körpers sichtbar zu empfinden, steht mir nahe. Wenn er dirigiert, spiegelt sich die Musik in seinem Gesicht wider. Da ist eine enge Seelenverwandtschaft zwischen uns. Mauthausen war ergreifend, nach dem Konzert haben wir unst still an den Händen gehalten."

SALZBURGER OPERNDEBÜT

Mit Rattle wird Quasthoff auch seinen ersten Schritt auf eine Opernbühne wagen: Bei den Salzburger Osterfestspielen 2003 wird er den Don Fernando in Beethovens "Fidelio" singen. "Obwohl ich die Oper sehr liebe, habe ich bisher darauf verzichtet, weil ich nicht will, daß meine Behinderung als Showeffekt im Vordergrund steht. Bei Rattle habe ich diese Angst nicht. Er hat die Begabung, nicht nur jedem Musiker sondern auch jedem Notenpult das Gefühl zu geben, wichtig zu sein. Er ist eine singuläre Erscheinung unter den ganz wenigen Weltklassedirigenten." Don Fernando sieht Quasthoff als richtige Rolle für sein Operndebüt. "Eine schöne, nicht sehr große Rolle, bei der man sich nicht viel bewegen muß. Den Papageno würde ich nicht singen, weil da die Aktion so wichtig ist."

Noch heuer kommt der kleine große Sänger zweimal nach Österreich zurück: Bei der Schubertiade in Feldkirch singt er am 18. Juni die "Winterreise", im Oktober tritt er im Musikverein auf: mit Schumanns "Dichterliebe" und Liedern des 20. Jahrhunderts von Martin, Debussy und Ravel. Standing ovations sind sie wohl auch für diese Musikhighlights zu erwarten.

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Elisabeth Hirschmann-Altzinger
published in FORMAT, May 2000