Alte Weisen, sechs Gedichte von Keller

1. Tretet ein, hoher Krieger

Tretet ein, hoher Krieger,
Der sein Herz mir ergab!
Legt den purpurnen Mantel
Und die Goldsporen ab!

Spannt das Roß in den Pflug,
Meinem Vater zum Gruß!
Die Schabrack mit dem Wappen
Gibt nen Teppich meinem Fuß!

Euer Schwertgriff muß lassen
Für mich Gold und Stein,
Und die blitzende Klinge
Wird ein Schüreisen sein.

Und die schneeweiße Feder
Auf dem blutroten Hut
Ist zu 'nem kühlenden Wedel
In der Sommerzeit gut.

Und der Marschalk muß lernen,
Wie man Weizenbrot backt,
Wie man Wurst und Gefüllsel
Um die Weihnachtszeit hackt!

Nun befehlt eure Seele
Dem heiligen Christ!
Euer Leib ist verkauft,
Wo kein Erlösen mehr ist!

2. Singt mein Schatz wie ein Fink

Singt mein Schatz wie ein Fink,
Sing ich Nachtigallensang;
Ist mein Liebster ein Luchs,
O so bin ich eine Schlang!

O ihr Jungfraun im Land,
Vom Gebirg und über See,
Überlaßt mir den Schönsten,
Sonst tut ihr mir weh!

Er soll sich unterwerfen
Zum Ruhm uns und Preis!
Und er soll sich nicht rühren,
Nicht laut und nicht leis!

O ihr teuren Gespielen,
Überlaßt mir den stolzen Mann!
Er soll sehn, wie die Liebe
Ein feurig Schwert werden kann!

3. Du milchjunger Knabe

Du milchjunger Knabe, wie siehst du mich an?
Was haben deine Augen für eine Frage getan!
Alle Ratsherrn in der Stadt und alle Weisen der Welt
Bleiben stumm auf die Frage, die deine Augen gestellt!
Ein leeres Schneckhäusel, schau, liegt dort im Gras;
Da halte dein Ohr d'ran, drinn brümmelt dir was!

4. Wandl' ich in dem Morgentau

Wandl' ich in dem Morgentau
Durch die dufterfüllte Au',
Muß ich schämen mich so sehr
Vor den Blümlein rings umher!

Täublein auf dem Kirchendach,
Fischlein in dem Mühlenbach
Und das Schlänglein still im Kraut,
Alles fühlt und nennt sich Braut.

Apfelblüt' im lichten Schein
Dünkt sich stolz ein Mütterlein;
Freudig stirbt so früh im Jahr
Schon das Papillonenpaar.

Gott, was hab' ich denn getan,
Daß ich ohne Lenzgespan,
Ohne einen süßen Kuß
Ungeliebet sterben muß?

5. Das Köhlerweib ist trunken

Das Köhlerweib ist trunken und singt im Wald;
Hört, wie die Stimme gellend im Grünen hallt!

Sie war die schönste Blume, berühmt im Land;
Es warben Reich' und Arme um ihre Hand.

Sie trat in Gürtelketten so stolz einher;
Den Bräutigam zu wählen, fiel ihr zu schwer.

Da hat sie überlistet der rote Wein
Wie müssen alle Dinge vergänglich sein!

Das Köhlerweib ist trunken und singt im Wald;
Wie durch die Dämmrung gellend ihr Lied erschallt!

6. Wie glänzt der helle Mond

Wie glänzt der helle Mond so kalt und fern,
Doch ferner schimmert meiner Schönheit Stern!

Wohl rauschet weit von mir des Meeres Strand,
Doch weiterhin liegt meiner Jugend Land!

Ohn' Rad und Deichsel gibt's ein Wägelein,
Drin fahr ich bald zum Paradies hinein.

Dort sitzt die Mutter Gottes auf dem Thron,
Auf ihren Knien schläft ihr sel'ger Sohn.

Dort sitzt Gott Vater, der den Heilgen Geist
Aus seiner Hand mit Himmelskörnern speis't.

In einem Silberschleier sitz' ich dann
Und schaue meine weißen Finger an.

Sankt Petrus aber gönnt sich keine Ruh,
Hockt vor der Tür und flickt die alten Schuh'.