Vier Lieder, Op.15

1. Leierkastenmann

Wo der Weiser steht an der Straß'
Wachst schönes Mariengras.
Meiner Mutter ist es allda geschehen,
Ist wandernd und bettelnd kommen in Wehen,
Und als sie mich hat geboren,
Sie hat das leben verloren
Wo der Weiser steht an der Straß'.

Zum Bettelvogt ward ich gebracht;
Mein Magen der knurrte bei Tag und Nacht
Und als ich erst groß geworden,
ich trat in den fahrenden Orden.
An die Seite hing ich den Bettelsack
Und schleppte den Kasten huckepack
Was ward ich ein junger Leiermann
Und spielte vor jeder Tür'!

Wo der Weiser steht an der Straß'.
Es ging ein Mädel durch's Gras,
Sie schürzte die Röcke und sprang über'n Graben;
Ich dachte: die möcht' ich zur Liebsten haben
Und tat ich ihr schön und sprach ihr vom Frei'n.
Sie zeigte die Zähne und sagte nicht nein.
Da haben wir Hochzeit gehalten,
Wo der Weiser steht an der Straß'.

O weh! Was bringt mir mein Spiel!
Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel!
Sechs Tage von sieben sind Fastenzeit,
Meine Lieder kennen sie weit und breit.
Mein Kittel vergraut, mein Kasten verstimmt,
Möcht' sehn, was das für ein Ende nimmt.
Mit krummen Rücken von Haus zu Haus,
Am besten, ich schlafe mir alles aus,
Wo der Weiser steht an der Straß'.

2. Zorn

Seh' ich im verfallnen, dunkeln
Haus die alten Waffen hangen,
Zornig aus dem Roste funkeln,
Wenn der Morgen aufgegangen,
Und den letzten Klang verflogen,
Wo im wilden Zug der Wetter,
Aufs gekreuzte Schwert gebogen,
Einst gehaust des Landes Retter;

Und ein neu Geschlecht von Zwergen
Schwindelnd um die Felsen klettern,
Frech, wenn's sonnig auf den Bergen,
Feige krümmend sich in Wettern,
Ihres Heilands Blut und Tränen
Spottend noch einmal verkaufen,
Ohne Klage, Wunsch und Sehnen
In der Zeiten Strom ersaufen;

Denk' ich dann, wie du gestanden
Treu, da niemand treu geblieben:
Möcht' ich, über unsre Schande
Tiefentbrannt in zorn'gem Lieben,
Wurzeln in der Felsen Marke,
Und empor zu Himmels Lichten
Stumm anstrebend, wie die starke
Riesentanne, mich aufrichten.

3. An die Mark

Bereifte Kiefern, atemlose Seen,
Die träumen einem dunklen Auge gleich
In ew'ger Sehnsucht von des Frühlings Reich;
Und drüber hin ein schwarzer Zug von Kräh'n.

Viel junges Leben will die Sonne sehn.
Da sitzt die Schwermut schon am Waldesrand
Und schreibt geheime Zeichen in den Sand,
Kein Frühlingssturm wird ihre Schrift verweh'n.

Und eines Tages kommt der junge Mai;
Und dennoch - unter glückverlor'nen Küßen
Lebt ein Bewußtsein, daß wir sterben müssen,
Daß alles nur ein Traum und schmerzlich sei.

Dies Land, da Wunsch und Hoffnung selig sind,
Und doch in ihrem rätselvollen Wesen
Von stiller Trauer niemals zu erlösen,
Dies Land ist meine Heimat und ich bin sein Kind.

4. Sonst

Es glänzt der Tulpenflor, durchschnitten von Alleen,
Wo zwischen Taxus still die weißen Statuen stehen,
Mit goldnen Kugeln spielt die Wasserkunst im Becken,
Im Laube lauert Sphinx, anmutig zu erschrecken.

Die schöne Chloe heut spazieret in dem Garten,
Zur Seit' ein Kavalier, ihr höflich aufzuwarten,
Und hinter ihnen leis Cupido kommt gezogen,
Bald duckend sich im Grün, bald zielend mit dem Bogen.

Es neigt der Kavalier sich in galantem Kosen,
Mit ihrem Fächer schlägt sie manchmal nach dem Losen,
Es rauscht der taftne Rock, es blitzen seine Schnallen,
Dazwischen hört man oft ein art'ges Lachen schallen.

Jetzt aber hebt vom Schloß, da sich's im West will röten,
Die Spieluhr schmachtend an, ein Menuett zu flöten,
Die Laube ist so still, er wirft sein Tuch zur Erde
Und stürzet auf ein Knie mit zärtlicher Gebärde.

"Wie wird mir, ach, ach, ach, es fängt schon an zu dunkeln-"
"So angenehmer nur seh' ich zwei Sterne funkeln-"
"Verwegner Kavalier!" - "Ha, Chloe, darf ich hoffen?" -
Da schießt Cupido los und hat sie gut getroffen.

[Texts from the Lied and Song Texts site]